Die Ära de Gaulle als Ursprung heutiger Kontroversen (1958-1969): Die deutsch-französische Partnershaft und die wirtschaftspolitische Steuerung Europas

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Auteur(s)Laurent Warlouzet

TitreDie Ära de Gaulle als Ursprung heutiger Kontroversen (1958-1969): Die deutsch-französische Partnershaft und die wirtschaftspolitische Steuerung Europas

Titre de l'ouvrageFrankreich Jahrbuch 2012

Année2013

Fazit
Die Untersuchung der deutsch-französischen Beziehungen im Spiegel der europäischen Wirtschaftsdebatten innerhalb der EWG ermöglicht es, klare Spannungslinien im Umfeld zweier deutlich voneinander abgegrenzter Wirtschaftsmodelle zu erkennen, von denen das eine eher den Marktmechanismen nahesteht, das andere eher von starker zentralstaatlicher Intervention geprägt ist. Die Berücksichtigung von Fragestellungen, die in den großen damaligen Politikdebatten und von der zeitgenössischen Literatur wenig wahrgenommen wurden, wie etwa die Wettbewerbspolitik, die europäische
Wirtschaftsplanung oder auch die Projekte zur währungspolitischen Zusammenarbeit,erlaubt es jedoch, diesen Gegensatz in drei Punkten feiner auszudifferenzieren, die sich ihrerseits in die heutige Zeit fortsetzen.
Zunächst muss die Einzigartigkeit der nationalen Modelle relativiert werden.
Zwar existieren gewisse Kraftlinien, wie die althergebrachte Bewunderung für die Exportkraft der deutschen Industrie. Doch ist Frankreich unter de Gaulle genauso auf Freihandel wie auf staatlichen Interventionismus bedacht. Die Bundesrepublik ihrerseits zeigt durchaus Interesse am Experiment der indikativen Planung. Hinsichtlich einiger technischer Fragestellungen ist eine gewisse Übereinstimmung erkennbar, wenngleich die Differenzen bestehen bleiben. Auch staatsinterne Divergenzen müssen in Betracht gezogen werden, insbesondere im Fall der Bundesrepublik, wo die Länder eine vom Bund abweichende Politik verfolgen können.
Ferner spielen sich die Kontroversen bezüglich der französischen und deutschen Wirtschaftsausrichtung sowohl zwischen Paris und Bonn als auch in Brüssel ab, sowohl innerhalb der gemeinschaftlichen Institutionen, wie die Europäische Kommission, als auch innerhalb jedes einzelnen Staatsapparats. Die französischen Verantwortlichen teilen sich in Pro- und Antieuropäer auf, aber auch in jene, die einen eigenen Weg einschlagen wollen, und jene, die wie Raymond Barre ab 1968 (und später als Premierminister zwischen 1976 und 1981) das westdeutsche Wirtschaftsmodell zum Vorbild nehmen wollen. Die europäischen Projekte werden oftmals als Kompromisse zwischen den Kursen beider Länder gedeutet. Die Untersuchung dieser Kontroversen zeigt vielmehr, dass die Wirtschaft recht unabhängig von politischer Logik einer eigenen Dynamik folgt. Die Höhen (Adenauer, Kiesinger) und Tiefen (Erhard) der bilateralen politischen Zusammenarbeit fallen nicht mit dem zeitlichen Ablauf der Wirtschaftsdebatten zusammen. Heute stellt sich die Situation genauso dar.
Schließlich zeigen diese Debatten Grenzen und Bedeutung des deutsch-französischen Paars auf. Diese ist begrenzt, weil sie nicht allein, unabhängig vom europäischen Integrationsprozess, der einen unentbehrlichen Rahmen für die Überwindung bilateraler Streitigkeiten bildet, bestehen kann. Sie ist aber auch gleichzeitig für diesen Prozess unverzichtbar, indem sie zu dessen Rechtfertigung und Stärkung beiträgt. Die deutschfranzösische Partnerschaft ist also gerade aufgrund ihrer Natur als Kompromiss zwischen gegensätzlichen wirtschaftlichen Entscheidungen von Bedeutung, weil sie dadurch den Weg eines möglichen Kompromisses auf gemeinschaftlicher Ebene weist.

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